Telefondienst statt Tagesstätte: (Nicht) ganz wie immer

Von Gitta Drechsler

Eine Besucherin erzählt von den Erfolgen, die sie in den letzten Tagen bei ihrer Tagesstruktur erzielt hat. Eine andere, dass sie langsam zu kämpfen hat und ihr allmählich das Durchhaltevermögen ausgeht. Ein Dritter ärgert sich, dass wir gerade schon wieder keine Zeit für ihn haben, was dieser ganze Kram eigentlich soll und dass die ganze Menschheit so furchtbar naiv ist.

Währenddessen erreicht uns auch ein schönes Dankeswort. Ein herzlicher Dank für all den Zuspruch in den letzten Tagen sowie die Beratung und Wegweisung in einem Familienkonflikt. Der Kinderschutz ist inzwischen informiert. Die Beratung dort hat gutgetan. Dennoch soll der Dank besonders uns gelten, dass wir uns das alles angehört haben und ermutigt haben, diese Schritte zu gehen.

Jemand anderes will einfach mal hören, was gerade so los ist bei uns. Er meldet sich zuverlässig jeden Tag, erkundigt sich und erzählt. Wir lachen und scherzen gemeinsam. Zwischenzeitlich werden defekte Telefone ausgetauscht, es kommt eine Anfrage unserer Öffentlichkeitsbeauftragten und zu überarbeitende QM-Prozesse per Mail. Und wieder der Besucher von vorhin will wissen, was wir denn eigentlich gerade machen. Es sind, wie immer, viele Anliegen. Viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Wünschen und Vorstellungen, in ganz unterschiedlichen Krankheits- und Lebenssituationen. Wie immer, ganz viel gleichzeitig. Wie immer. Ja, im Arbeitsgeschehen und “Mit-und Ineinander” so vieler Menschen wirkt es manchmal fast wie immer.

Ich beende mein Telefonat mit der Besucherin, deren Mutter letzte Woche gestorben ist. Jetzt endlich kann ich abheben, als der schon lange wartende Besucher anruft. Ich verstehe, dass er genervt ist, dass er länger warten musste. Ich freue mich, ihn zu hören. Er erzählt von seinem Tag und will wissen, was der neue Boden bei uns so macht. Wir scherzen. Es ist alles wieder gut, auch wenn es nicht wie immer ist. Sehen können wir uns gerade nicht, nicht wie sonst mal kurz gemeinsam rausgehen, wenn die Luft für ihn gerade zu dünn wird.

Wir können nicht gemeinsam kochen, essen, spielen, kreativ sein und in Gruppen miteinander sprechen – noch nicht. Doch wir können weiter Anteil am Leben unserer Besucher*innen nehmen. Wir freuen uns sehr, dass unsere Besucher*innen uns teilhaben lassen und auch untereinander Kontakt halten. Gerade als Tagesstätte, in der Tagesstruktur, Gruppenangebote, Kontakt und Begegnung zentral sind und in die wechselnde Besucher*innen aus ganz unterschiedlichen Wohn-und Lebenssettings, mit ganz unterschiedlichen Alter und körperlicher Gesundheit kommen, haben wir in dieser Zeit eine besondere Verantwortung. Eine Öffnung während der Ausgangsbeschränkungen ist weder gesetzlich vertretbar noch sinnvoll für die Gesundheit unserer Besucher*innen und des Teams. Dennoch hat unserer Angebot den Tag so vieler Menschen strukturiert, war wertvolle Stütze und waren wir für viele zentrale Anlaufstelle. Daher war uns klar, wir wollen und müssen jetzt da sein. Anders als sonst – doch da, am Telefon.

Die vielen Anrufe und Rückmeldungen unserer Besucher*innen zeigen uns, dass unsere Entscheidung richtig war. Wir freuen uns, dass wir so gemeinsam durch die schwierige Zeit der Corona-Krise und den geltenden Ausgangsbeschränkungen gehen konnten und gehen. Auch für die Zukunft werden wir kreative Lösungen finden und freuen uns, wenn wir uns dann nicht nur Hören, sondern auch Wiedersehen!

Die aktuellen Telefonzeiten der Tagesstätte sind:

Montag-Mittwoch: 10:00-17:00
Donnerstag: 11:00-19:00
Samstag: 11:00 -15:00